„Und dann war ich wieder zuhause…“

Was Jugendliche über ihre Rückführung erzählen

Rückführungen in die Herkunftsfamilie gehören zu den anspruchsvollsten Übergängen in der stationären Jugendhilfe. Eine aktuelle Schweizer Studie hört dabei genau dort hin, wo es in der Praxis oft zu kurz kommt: bei den jungen Menschen selbst. Die Ergebnisse bestätigen vieles, was wir aus unserer Arbeit mit Einrichtungen, ASD und Pflegefamilien kennen – und sie liefern eine Systematik, die sich sehr konkret für die Gestaltung von Übergängen nutzen lässt.

Worum es in der Studie geht

Die Sozialarbeiterin und Forscherin Jana Osswald (FHNW) hat 18 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren biografisch-narrativ interviewt – alle waren zum Interviewzeitpunkt neun Monate bis anderthalb Jahre zuvor aus stationärer Unterbringung zu ihrer Familie zurückgekehrt. Aus den Erzählungen hat sie eine empirisch begründete Typologie von sechs unterschiedlichen Rückführungs-Erfahrungen entwickelt.

Entscheidend dafür, wie ein junger Mensch seine Rückführung erlebt, sind laut Osswald drei Dimensionen:

  • Agency – Wer hat die Entscheidung zur Rückkehr getroffen, und wie viel Mitbestimmung hatte das Kind oder der Jugendliche dabei?
  • Belonging – Wo empfindet der junge Mensch Zugehörigkeit: in der Einrichtung, in der Familie, oder in beiden?
  • Post-Return Trajectory – Wie verläuft die Zeit nach der Rückkehr, insbesondere schulisch, beruflich und sozial?

Sechs sehr unterschiedliche Geschichten

Die Bandbreite reicht von unspektakulär bis krisenhaft:

  • Für manche Jugendlichen ist die Rückkehr ein selbstverständlicher Übergang, kaum der Rede wert – die Familie war während der ganzen Unterbringung emotionaler Fixpunkt geblieben.
  • Andere erleben ihre Rückkehr als verdiente Belohnung für die eigene Entwicklung, die sie aktiv mitgestaltet und gegenüber den Fachkräften begründet haben.
  • Einige kämpfen ihre Rückkehr regelrecht gegen fachliche Widerstände durch – für sie ist die Fremdunterbringung etwas, aus dem es zu „flüchten“ gilt.
  • Die größte Gruppe erlebt die Rückkehr als emotional herausfordernden Bruch im Alltag: Die Einrichtung war zum wichtigsten sozialen Bezugssystem geworden, der Abschied schmerzt, das Wiederhineinfinden in die Familie fordert Zeit – gelingt aber am Ende.
  • Besonders eindrücklich ist der Typ der erzwungenen Rückkehr nach einseitig entschiedener Entlassung: Jugendliche, die kaum vorbereitet und ohne nachvollziehbare Begründung „nach Hause geschickt“ wurden, berichten von Ohnmacht, Wut und dem Gefühl, über ihr eigenes Leben nicht mitbestimmen zu dürfen.
  • Und schließlich ein Typ, den man leicht übersieht: Jugendliche, die zwar familiär gut angebunden sind, denen aber nach der Rückkehr jedes Netzwerk am neuen Wohnort fehlt. Schul- oder Ausbildungsabbrüche und psychische Krisen sind hier keine Seltenheit – wobei die jungen Menschen sich aktiv Hilfe suchen, statt erneut in eine Fremdunterbringung zu rutschen.

Was das für die Praxis bedeutet

Drei Erkenntnisse aus der Studie sind für unsere Arbeit mit Einrichtungen, ASD und Pflegefamilien besonders relevant:

1. Rückführung braucht Beteiligung – gerade wenn sie unvermeidlich ist. Der am schwierigsten erlebte Übergangstyp ist nicht der, bei dem die Familie besonders belastet ist, sondern der, bei dem die Entscheidung über den jungen Menschen hinweg getroffen wurde. Auch wenn eine Beendigung der Unterbringung fachlich unumgänglich ist, macht es einen enormen Unterschied, ob sie nachvollziehbar erklärt und mit ausreichend Vorlauf begleitet wird.

2. Zugehörigkeit zur Einrichtung ist kein Problem – Trennung der Lebenswelten schon. Jugendliche, für die die Einrichtung zur „kleinen Familie“ wurde, erleben den Abschied besonders intensiv. Die Studie mahnt: Nicht die Bindung verhindern, sondern dafür sorgen, dass Einrichtung und Familie während der Unterbringung keine getrennten Welten bleiben.

3. Peer-Netzwerke am Rückkehrort sind ein unterschätzter Schutzfaktor. Wer während der Unterbringung räumlich von seinem Wohnort getrennt war, hat dort oft keine sozialen Kontakte mehr – ein Risiko, das bislang zu wenig systematisch mitgedacht wird.

Diese Befunde bestätigen, was wir in unseren Fortbildungen seit Jahren vermitteln: Rückführung gelingt nicht als kurzfristige Verwaltungsmaßnahme, sondern nur als von Anfang an mitgedachter, gut vorbereiteter und über den Auszug hinaus begleiteter Prozess – unter Einbezug von Kind, Eltern, Einrichtung, Pflegefamilie und ASD/PKD gleichermaßen.

Passende Fortbildungsangebote

Wenn Sie diese Themen in Ihrer Einrichtung oder Ihrem Team vertiefen möchten, unterstützen wir Sie mit passgenauen Fortbildungen:

  • Und jetzt geht es wieder nach Hause – unsere Fortbildung zur erfolgreichen Gestaltung von Rückführungen, von der Zielplanung über die Elternarbeit bis zur eigentlichen Rückführung und Nachbereitung.
  • Achtung Eltern! – vertieft die Arbeit mit Eltern, die für eine gelingende Rückführung entscheidend ist.
  • Und ab morgen wohnst du bei… – zur Gestaltung von Übergängen in und aus Fremdunterbringung insgesamt.

Quelle: Osswald, J. (2026). „And then I was back home again…“ lived experiences of young people returning to their families from residential care. Children and Youth Services Review, 190, 109237. Open Access verfügbar unter doi.org/10.1016/j.childyouth.2026.109237

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Sabrina Langenohl

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