Wenn nach der Betroffenheit nichts folgt

Innerhalb weniger Wochen sind Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe gleich zweimal Ziel schwerer Gewalt geworden: Ende Juni starben in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade sechs Menschen, darunter drei Mitarbeitende des Jugendamtes der Region Hannover. Mitte Juli wurde eine Mitarbeiterin des Jugendamtes in Finsterwalde in ihrem Büro bedroht, anschließend legte der Angreifer Feuer – mehrere Menschen mussten mit Rauchvergiftung ins Krankenhaus.

Wir wollen an dieser Stelle nicht die Details dieser beiden Taten in den Mittelpunkt rücken. Das haben andere Medien ausführlich getan, und die Betroffenheit unter Kolleginnen und Kollegen in der gesamten Jugendhilfe ist seitdem greifbar. Was uns stattdessen beschäftigt, ist etwas anderes: Was ist eigentlich seitdem passiert?

Betroffenheit auf allen Ebenen – aber wo bleiben die Konsequenzen?

Nach beiden Vorfällen gab es Anteilnahme, Gedenkfeiern und deutliche Worte. Niedersachsens Ministerpräsident sprach bei einer Trauerfeier in Stade, Brandenburgs Ministerpräsident und der zuständige Sozialminister äußerten sich fassungslos zu Finsterwalde. Einzelne Landkreise und Kommunen haben reagiert: mit zusätzlichem Sicherheitsdienst, mit Überprüfungen der eigenen Dienstgebäude, mit Gesprächen über stille Alarme und Wachschutz.

Das sind wichtige, richtige Reaktionen – vor Ort, im Kleinen. Was bislang jedoch ausbleibt, ist eine Antwort auf Bundesebene. Wo sind die Stellungnahmen des Bundesministeriums und des Bundespräsidialamtes? Wo sind Maßnahmenpakete und strukturelle Antworten auf die Frage, wie Fachkräfte der Jugendhilfe bundesweit besser geschützt werden können?

Die Gewerkschaft Verdi weist seit Jahren auf diese Lücke hin: Übergriffe auf Beschäftigte im öffentlichen Dienst nähmen seit Jahren zu, während seit Langem bessere Schutzkonzepte, wirksame Prävention und ausreichend Personal gefordert würden, ohne dass eine nachhaltige Besserung in Sicht sei. Auch die niedersächsische Gewerkschaft Verdi hatte nach Stade gemahnt, das Thema des Schutzes von Beschäftigten in der sozialen Arbeit müsse endlich systematisch angegangen werden. news.de

Es gibt in Deutschland nicht einmal eine verlässliche bundesweite Statistik darüber, wie oft Beschäftigte des öffentlichen Dienstes – und speziell der Jugendhilfe – Opfer von Gewalt werden. Wer nicht zählt, kann schwer steuern.

Zwei Ereignisse, ein wiederkehrendes Muster

Stade und Finsterwalde stehen für sehr unterschiedliche Situationen und sollten nicht vorschnell gleichgesetzt werden. Und doch verbindet beide etwas, das uns nachdenklich macht: In beiden Fällen war es zunächst die lokale und regionale Ebene, die reagieren musste – mit den Mitteln, die vor Ort eben vorhanden sind. Eine übergreifende, strukturelle Antwort blieb aus.

Das ist bezeichnend für eine Jugendhilfe, deren Rahmenbedingungen zu großen Teilen kommunal ausgehandelt werden, deren Belastung aber ein bundesweites Phänomen ist. Sicherheit am Arbeitsplatz, ausreichende Personalausstattung, Rückhalt in schwierigen Fallkonstellationen – das sind keine Fragen, die sich allein vor Ort lösen lassen.

Wir schreiben diesen Beitrag nicht, um Schuldige zu benennen oder um schnelle Lösungen einzufordern – dafür sind die Zusammenhänge zu komplex, und einfache Antworten würden den Betroffenen nicht gerecht. Uns ist wichtig, dass dieses Thema nicht mit der nächsten Nachrichtenlage wieder verschwindet. Die Fachkräfte, die tagtäglich in oft konflikthaften, manchmal eskalierenden Situationen arbeiten, haben es verdient, dass ihre Sicherheit nicht nur nach einer Tat für ein paar Tage Thema ist.

Unsere Gedanken sind bei den Betroffenen in Stade und Finsterwalde – und bei allen Kolleginnen und Kollegen, die tagtäglich in konflikthaften Situationen stehen und diese in der Regel hervorragend im Sinne der Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien meistern.

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Sabrina Langenohl

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